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»Heilge Schwelle«
Eine Untersuchung von Werk und Biographie des frühen Heinrich Heineaus gleichermaßen philologischer, theologischer und judaistischer Sicht.»Lebe wohl, du heilge Schwelle [...].« Mit diesen Worten sagt der junge Heinrich Heine im Sommer 1819 der Hansestadt Hamburg und all den Unerquicklichkeiten der vergangenen Zeit Adieu. Sieben Jahre später wiederholt er ein solches »Lebet wohl!« und setzt es programmatisch an den Anfang seiner Harzreise, seiner persönlichen Exodus-Erzählung. Heine ist ein Dichter der Übergänge. Als deutscher Jude befindet er sich in einem Zwiespalt zwischen seiner jüdischen Identität und einer antisemitisch geprägten nationalistisch-christlichen Gesellschaft. Im Juni 1825 lässt er sich in Heiligenstadt taufen, um seine Berufschancen zu verbessern, aber dieser Versuch, den Konflikt durch die Konversion zu lösen, scheitert kläglich. Allerdings gelingt es dem Dichter, die Identitätsschwebe zwischen den Welten zu einer Existenz- und Kunstformzu erheben. Er wird selbst zum Seismographen einer jungen jüdischen Generation, die vergeblich einen Ausweg aus dem »Bannkreis des Judentums« sucht. In welchesGelobte Land aber dieser Exodus führen soll, diese Frage variiert stark in Heines frühen Jahren und Schriften und schwankt zwischen Gegensätzen. Raphaela Brüggenthies behandelt die Jahre 1816 bis 1826 und spürt den Themen Konversion, Liminalität und Marginalität in Heines Leben und frühen Werken nach.- Shop: buecher
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Lebende Bilder
Sie weigern sich, im Keller Schutz zu suchen, und harren in der dunklen, zugigen Gemäldegalerie aus, Kälte und Hunger trotzend. Mojsej, 25, und Antonina, 37, sind Mitarbeiter der Leningrader Eremitage, einem der schönsten Kunstmuseen der Welt. Im Winter 1941/42 wird es zu ihrem letzten Zufluchtsort. Anfangs rezitieren sie Gedichte, erzählen sich das Märchen von der Schneekönigin, stellen zwei Rembrandt-Gemälde nach, die aus dem Museum evakuiert werden sollen. Als sie versuchen, sich an ein Lied zu erinnern, versagen ihre Stimmen. Das Lauschen in die Stille hinein, das wiederholte Rufen, Sichvergewissern, ob der andere noch da ist, das auf elementare Bruchstücke reduzierte Gespräch zweier Liebender, erweist sich am Ende als eine »Dokumentation aus Stimmen« authentischer Figuren, die in der Leningrader Blockade umgekommen sind. Lebende Bilder heißt dieser zentrale Text des Bandes, dem zehn längere und kürzere Prosastücke vorangestellt sind. Alle kreisen sie um Sankt Petersburg als imaginären Ort, auch wenn sie in Lowell/Massachusetts, in San Francisco oder an einem Strom in Sibirien spielen und von Kindheit, erster Liebe und schmerzlichen Verlusten handeln. Polina Barskovas lyrische Sprache ruft uns, gleichsam durch Raum und Zeit hindurch, als Zeugen mit an die Schauplätze und rückt jedes Erleben in die größere Geschichte ein. In dem Versuch, private Erinnerung und kulturelles Gedächtnis ineinander zu verweben, verweigert sie sich traditionellen Erzählformen - nicht programmatisch, sondern aus einer existenziellen Erfahrung heraus.- Shop: buecher
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Politik
Die expressionistische Kunst ist in vielerlei Hinsicht politisch: Aus dem Bruch mit den Traditionen - die ja sowohl ästhetische als auch gesellschaftliche Traditionen sind - ergibt sich der Wunsch nach einem "neuen Menschen" und das beginnende 20. Jahrhundert wird als Chance auf einen radikalen Neuanfang gesehen. Der Expressionismus bewegt sich im Spannungsfeld einer Kritik am 'Alten' und dem Beschwören von Visionen, die einerseits oft eigentümlich abstrakt und unklar bleiben. Andererseits schließen sich Expressionistinnen aber oft auch zumindest zeitweise radikalen politischen Bewegungen an.Auch die Anschlüsse an die Lebensreform-Bewegungen haben einen politischen Kern, insofern sie eine alternative Form von menschlicher Gemeinschaft erproben. Zudem reagieren expressionistische Texte und Kunstwerke auf realpolitische Ereignisse und sind von diesen inhaltlich wie programmatisch beeinflusst. Gleichzeitig haben gegensätzliche politische Systeme sich ihrerseits am Expressionismus gerieben und ihn als dekadent oder - wie in der berüchtigten Münchner Ausstellung von 1937 - als 'entartet' betrachtet.Das Verhältnis des Expressionismus zur Politik ist ein komplexes, dessen Facetten das Themenheft aus interdisziplinärer Perspektive genauer nachgeht. Entsprechend eröffnet das Heft in seinen Beiträgen eine vielseitige Perspektive, die exemplarische Werke aus Kunst, Literatur und Architektur im Kontext der Frauenbewegung, der italienischen Nationalbewegung und der deutschen und österreichischen Kaiserreiche untersucht. Weitere Themenschwerpunkte bilden die Diskussion über Kommunismus und Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg.Mit Beiträgen von Marijke Box, Anja Degner, Norbert Grube, Elmar Arne Kossel, Luigi Monzo, Akane Nishioka, Annadea Salvatore, Dennis Schäfer und Benjamin Voß.- Shop: buecher
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Corona Revolution
Die Revolution ist fällig: Der Idee nach haben wir eine schöne Demokratie, tatsächlich aber verhärtete Verhältnisse: Die Einkommen sind ungerecht verteilt. Große Vermögen in wenigen Händen und Finanzkonzerne beherrschen die Wirtschaft. Die Parteien sind programmatisch entkernt, die Medien konzentriert und meist angepasst. Frieden? Gemeinsame Sicherheit? Stattdessen wird auf Konfrontation und Kriegsvorbereitung gesetzt, fremdbestimmt von den USA. Europa zerbröselt. Die Revolution ist überfällig, resümiert Albrecht Müller, aber es wird sie nicht geben. Sein Rat an Gleichgesinnte: Tut euch zusammen, verhindert das Schlimmste und setzt auf bessere Zeiten!Schwarzbuch Corona:In der Medizin sagt man, die Therapie darf nicht schädlicher sein als die Krankheit. Überträgt man dies auf die weltweiten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, müsste man wohl von einem der größten Kunstfehler der Geschichte sprechen. Die indirekten Kollateralschäden der Therapie stehen in keinem Verhältnis zu den Schäden durch das Virus selbst. Der Journalist und Bestsellerautor Jens Berger zeigt anhand zahlreicher nationaler und internationaler Beispiele, welche Schäden die Corona-Politik verursacht hat und immer noch verursacht. Schäden auf dem Gebiet der Ökonomie, der Ökologie und der Gesundheit - aber auch Schäden an unserer Psyche. Schäden, die so unsolidarisch verteilt sind, wie bei keiner Katastrophe zuvor. Schäden, die uns noch lange begleiten werden und unsere Gesellschaften nachhaltig verändern werden. Berger blickt über den Tellerrand von Infiziertenzahlen und Inzidenzen und richtet den Fokus auf Zusammenhänge, die in der Debatte gerne verdrängt und ignoriert werden. Erstmals werden hier Daten und Studien zusammengetragen, die außerhalb von Fachkreisen wenig Beachtung finden, da sie nicht in das Bild einer Politik passen, für die das Wohl und die Gesundheit der Bürger angeblich das oberste Primat sind.- Shop: buecher
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Kunst Kulissen Ketzereien
«Seine Texte sind, seien wir ehrlich, Literatur. Das ist der Grund, warum sie vom ersten Tag an so geliebt wurden von den Lesern und so gehasst wurden - von den Kunsthistorikern.» Florian IlliesObwohl Meier-Graefe - entgegen weitverbreiteter Ansicht - nie Kunstgeschichte studiert hatte, erreichte er eine größere Leserschaft als alle anderen deutschen Autoren, die im 20. Jahrhundert über Kunst schrieben. Von Beginn an galt er als das «enfant terrible» der Kunstpublizistik - immer im Zentrum, immer polarisierend, immer umstritten. Wo er auftrat, hatte kein salbungsvoller Weiheton Bestand. Mit einer saloppen Nebenbemerkung konnte er staatstragende Glaubenssätze der Lächerlichkeit preisgeben. Als geborener Polemiker hatte er auch vor Selbstwidersprüchen keine Scheu - so sie nur in brillanten Formulierungen daherkamen und zu seinem schillernden Gesamtbild beitrugen. Den Grundstein seines Ruhmes legte er 1904 mit der 3-bändigen «Entwickungsgeschichte der modernen Kunst», die im Untertitel einen «Beitrag zu einer neuen Ästhetik» verhieß und «vergleichende Betrachtungen der Bildenden Künste» zur Methode erhob. Bei seinen Vergleichen griff Meier-Graefe von Beginn an programmatisch über die Grenzen Deutschlands hinaus, da ihm die heimatliche Kunst als muffig und zurückgeblieben erschien. Die Feindschaft aller Nationalkonservativen war ihm seitdem sicher, zumal Meier-Graefe sich mit provozierender Leichtigkeit und einem Neid erregenden Kenntnisreichtum in der gesamten europäischen Kulturtradition bewegte. Nachdem er Böcklin und Menzel - die beiden Heroen der neueren deutschen Kunst - 1905 in einer Studie virtuos demontiert hatte, legte er Monographien zu Corot, Manet, Renoir oder Vincent van Gogh vor. Aber auch «Die großen Engländer» waren ihm eine Publikation wert - ganz zu schweigen von seiner Entdeckung El Grecos und der grundlegenden, 3-bändigen Arbeit zu Hans von Marées. Daneben bediente er sich des gesamten Spektrums publizistischer Formen: des Essays, der mitsubjektiver Gründlichkeit zwischen den gängigen Spielarten des Scheins eine Wahrheit suchte; der streitbaren Ausstellungskritik, die gern auch der Satire ihre Reverenz erwies; der anekdotischen Novelle, die mit Insider-Kenntnissen über Menschlich-Allzumenschliches aus den Kulissen und Wandelgängen des Kunstbetriebs erzählte. Diese Texte galten jedoch als Tagesware. Nichts wäre falscher als dies: Denn kann ein wirklicher «homme de lettres» beim Schreiben einfach einen Gang zurückschalten, nur weil es sich vielleicht um einen kürzeren Text handelte? Im Gegenteil: Gerade dann stach ihn der Hafer. Im Tagesgefecht kam sein Temperament spontaner und intensiver zum Ausdruck, als dies bei Langstreckenschreiberei der Fall sein mochte, wo zudem noch den Akademikern die Stirn geboten werden musste. Dennoch sind Meier-Graefes Feuilletontexte bis heute nur mit wenigen Ausnahmen wieder gedruckt worden. Der vor liegende Band will dies ändern und einen der wortmächtigsten und streitbarsten Geister der deutschen Essayistik von einer unbekannten Seite zeigen. Denn Meier-Graefe schrieb ungemein intelligent, geistvoll und amüsant - vor allem aber immer gegen jede Erwartung.- Shop: buecher
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Joseph Roth: Gesamtausgabe - Sämtliche Romane und Erzählungen und Ausgewählte Journalistische Werke (eBook, ePUB)
Moses Joseph Roth (1894-1939) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Das schriftstellerische Werk Roths kann nicht ohne Weiteres einer bestimmten Richtung oder Gruppierung der zeitgenössischen Literatur zugeordnet werden, am ehesten noch der Neuen Sachlichkeit, vor allem hinsichtlich seiner frühen Romane. So trägt Die Flucht ohne Ende den Untertitel Ein Bericht, und im Vorwort versichert der Autor: "Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum, zu ,dichten'. Das wichtigste ist das Beobachtete." Roth war seinen Zeitgenossen in erster Linie als Journalist bekannt und journalistische Arbeiten machen gut die Hälfte seines Werkes aus. Am Sprachexperiment des die Literatur der Weimarer Zeit prägenden Expressionismus, deren Gegenbewegung die Neue Sachlichkeit war, nahm Roth nicht teil. Er vertrat die Position des journalistischen "Handwerkers" und blieb in seinen sprachlichen Mitteln konservativ. Allerdings erteilte Roth in seiner Schrift Schluß mit der "Neuen Sachlichkeit" dieser Richtung 1930 eine Absage. Er kritisierte von einem journalistischen Standpunkt aus die Ungeformtheit einer Literatur, die sich auf "nackte Tatsachen" beschränken wolle, indem er der Zeugenaussage den (geformten) Bericht gegenüberstellte: "Das Faktum und das Detail sind der Inhalt der Zeugenaussage. Sie sind das Rohmaterial des Berichts. Das Ereignis ,wiederzugeben', vermag erst der geformte, also künstlerische Ausdruck, in dem das Rohmaterial enthalten ist wie Erz im Stahl, wie Quecksilber im Spiegel." Er wirft der Neuen Sachlichkeit in diesem Text vor, sich die Haltung des naiven Lesers zu eigen zu machen: "Der primitive Leser will entweder ganz in der Wirklichkeit bleiben oder ganz aus ihr fliehen." Roth bevorzugt dagegen das angeblich Authentische des ungeformten Augenzeugenberichts. Als Journalist kannte er die Arbeit, die aus Einzelaussagen einen Bericht formt - und konstatiert als Dichter: "... erst das ,Kunstwerk' ist ,echt wie das Leben'." Programmatisch für sein Werk ist der Satz: "Der Erzähler ist ein Beobachter und ein Sachverständiger. Sein Werk ist niemals von der Realität gelöst, sondern in Wahrheit (durch das Mittel der Sprache) umgewandelte Realität." INHALTSVERZEICHNIS: Der Vorzugsschüler Barbara Karriere Von dem Orte, von dem ich jetzt sprechen will Kranke Menschheit Immer seltener werden in dieser Welt Das Kartell Das Spinnennetz Hotel Savoy Die Rebellion April Der blinde Spiegel Die Flucht ohne Ende Das reiche Haus gegenüber Zipper und sein Vater Rechts und Links Der stumme Prophet Perlefter Erdbeeren Heute früh kam ein Brief Jugend Hiob Radetzkymarsch Stationschef Fallmerayer Tarabas Triumph der Schönheit Die Büste des Kaisers Die hundert Tage Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht Das falsche Gewicht Die Kapuzinergruft Die Geschichte von der 1002. Nacht Die Legende vom heiligen Trinker Der Leviathan Reise in Rußland (1926) Juden auf Wanderschaft Panoptikum: Gestalten und Kulissen Der Antichrist Reportagen aus Wien und Berlin (1919-1927) ~Wien~ ~Berlin~ Reportagen aus Wien und Frankreich (1919-1939) ~Reportagen aus Wien~ ~Reportagen aus Frankreich~- Shop: buecher
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Wünsche
Lange schon war Pur einander nicht mehr so nahe gekommen, wie in den vergangenen Wochen. Am Abend ging man am Hauptplatz in Bietigheim- Bissingen auf einen Salat oder Nudeln zum Italiener. Morgens, sagen wir: mittags, trafen sich Hartmut und Ingo, um eine Runde zu laufen, am Nachmittag dann war die ganze Clique im Studio und arbeitete zusammen. So war das. Tag um Tag. Woche um Woche. Und ganz allmählich begann ein neues Album zu wachsen, nahm Form an, wurde korrigiert, Melodienbögen wurden niedergerissen und wieder neu aufgebaut, Lyrics umgedichtet, neue Geschichten erzählt. So lange, bis "Wünsche" fertig war. Für viele, die etwas davon verstehen, das beste Album von Pur. "Die Jahre davor", sagt Hartmut Engler, "war es meist so, dass Ingo die Songs geschrieben hat und ich immer wieder mal vorbeikam, um danach an den Texten zu arbeiten. Diesmal haben wir gemeinsam gearbeitet, vor allem war auch Martin miteinbezogen. Da wurde die Arbeit zu einem Teil des privaten Lebens, organisch ging eins ins andere über." Es war fast so wie anfangs als Pur auf Ochsentour in den kleinen Klubs unterwegs war und jeder die Befindlichkeit des anderen besser verstand als sein eigenes Drumherum. Engler ging mit den schönen Melodien von Ingo Reidl in seinen kleinen Pavillon, der dem Wohnhaus vorgelagert ist, guckte ins Grüne und fing an aus den Musikstücken Lieder zu machen und den Soundbaum mit Erzählungen aufzuputzen. Wie bei wenigen anderen Künstlern sind die Songs von Pur stets auch eine Art spiritueller Chronik der laufenden Ereignisse. Die musikalische Entsprechung von Tagebüchern. Basis für das musikalische Zusammenspiel von Pur ist die geniale Zusammenarbeit von Poplyriker Hartmut Engler und dem facettenreichen Komponisten und Keyboarder Ingo Reidl. Am Anfang ist das Wort. Das mag für die Bibel gestimmt haben, bei Pur ist die Musik zuerst da. Danach schreibt Hartmut Engler die Worte auf, die er später im Studio zu den Melodien stimmlich umsetzt und die ihm dann noch viel später irgendwo auf der Bühne dieses "besondere Glücksgefühl" verschaffen werden, 2 "wenn man vor Tausenden Menschen das interpretiert, was man sich allein daheim ausgedacht hat und man merkt: ja, wir haben es gepackt, wir berühren die Leute, wir treffen ihre Empfindungen." Die Zeit ist zurückgedreht: "Es hat mich diesmal einfach an früher erinnert. Wenn die Demosongs fertig waren und wir eine unbändige Lust verspürt hatten, sie auf der Stelle den besten Freunden vorzuspielen. He, das musst du hören!" Der amerikanische Musikjournalist Lester Bangs hat vor Jahren bereits über die Popkultur und ihre Protagonisten geschrieben: "Der echte Popstar hat eine Ahnung davon, was abseits seines eigenen, glitzernden Nährbodens abgeht." Niemand kann heute den Künstlern von Pur nachsagen, sie lebten in einem abgefahrenen Pop-Wolkenkuckucksheim, zwischen Rausch und Selbststilisierung. Das, was passiert, berührt, echauffiert, ist das Leben - und wird zur populären Musik von Pur umgearbeitet. "Da war auch plötzlich diese Begeisterung wieder da", sagt Engler, "die man sonst nur von ganz jungen kennt, dass man sich über jede gelungene Bridge, jede Notenfolge, die besonders ist, diebisch freuen kann und mit einer Art Lampenfieber an die Arbeit rangeht." Ereignisse, die in jüngster Vergangenheit passierten, sind die Wurzeln aus denen mit musikalischer Komplexität Vers und Refrain sprießen. Man mag es drehen wie man mag, am Ende wird eigenes Empfinden aufgearbeitet. Und nach einer harten Zeit fällt die neu gewachsene Kreativität auf fruchtbaren Boden. "Musikalisch", sagt Engler über die Arbeit, "haben wir bewusst auf Experimente verzichtet und uns sehr auf unsere Hauptinstrumente, auf Keyboards und zum ersten Mal vor allem kräftige Gitarren konzentriert. Ich finde das Album hat nicht so viele kleine Ausbrüche in andere Klangwelten, sondern hört sich an wie aus einem Guss." Obwohl von dem typischen, bereits legendär gewordenen Pur-Klang beherrscht, ist "Wünsche" ein durchaus schneller, frischer, im Gesamtkontext von Uptempos dominierter Longplayer. Die dicken Chorarrangements, die vollen Bläsersätze, die früher das eine oder andere Lied begleiteten, sind weg. "Alles ist extrem durchgängig", sagt Engler heute. Bei aller klaren Rhythmik - selbst zur Verblüffung der Band blieb die Intimität der Erzählsituation an einzelnen Stationen weiter erhalten: "Wir hatten Zeit viel herumzuprobieren, aber letztendlich sind wir dann doch auf den stringenten, einfachen Wegen geblieben." Mit einem Satz: "Wir haben diesmal alles auf den Punkt gebracht." Wenn schon die Texte bei "Wünsche" eine fast aufrührende Intimität vermitteln, sind sie nie exhibitionistisch. "Ich versuche Gemütszustände zu schildern, in denen sich viele Leute befinden können und die besondere Situationen widerspiegeln", sagt Engler. Er schreibt die Lyrics nicht aus einer momentanen Laune heraus, quasi als Katharsis des Augenblicks, sondern nach einer Weile der Beobachtung, eine Art Analyse der Situation. Allerdings: "Ich singe immer über Dinge, über die ich Bescheid weiß und über die ich Auskunft geben kann." Als letzter Song kam "Der geschenkte Tag" auf das Album "Wünsche". Akustisch, kurz, intim einfach gehalten nur mit Piano und Gesang. Das Credo wie schön die Welt doch sein kann, wenn man durch die dunklen Täler erstmal durchgelaufen ist: "In dieser durchgeknallten Welt, die selten Mal die Luft anhält, werd ich durch dich noch Optimist..." Auf der ganz anderen Seite der Gefühlsskala die erste Single-Auskoppeliung "Irgendwo": Ein Song, der durch seinen musikalischen Bruch zwischen Vers und Refrain zu etwas ganz Außergewöhnlichem wird und der im Endeffekt einen Schrei der Hoffnung 3 ausdrückt: "Irgendwo in dieser Welt liegt ein bisschen Glück versteckt und ich wünsch mir so ich hätt?s für mich entdeckt." Eine gute Weile länger zurück liegt die Entstehungsgeschichte von "Herzlich". In einem Satz fasst der Autor Engler den Inhalt aus der Sicht des Mannes so zusammen: "Das Mysterium des weiblichen Wesens wirklich zu ergründen ist eine schier unlösbare Aufgabe. Viele haben es versucht, viele sind gescheitert. Aber einfach lieben, lieben darf man die Frauen in all ihren Facetten." Ein Uptempo-Song, rockig unterstützt von kräftigen Gitarren. Gemeinsam mit Janine Meyer von der Band Luxuslärm singt Hartmut Engler das einzige Duett auf dem Album - "Die Beste". "Janine", ist die Band überzeugt, "verfügt über eine sensationelle Stimme und war tatsächlich die denkbar Beste für das Duett." "Ich hatte eine CD von Luxuslärm bekommen", sagt Engler und hab' die öfter gehört. Ich habe Janine später auf Mallorca getroffen und so sind wir ins Gespräch über das Duett gekommen. Sie singt auf der Platte auch einige Backingvocals." "Die Beste" ist eine Hymne von Pur geworden, eine Liebeserklärung an die Musik. Kein anderes Album von Pur aus den letzten Jahren ist vergleichbar authentisch wie das aktuelle. Engler entwirft textlich ein paar scharf geschnittene Episoden des Heute. Keine durchkonstruierten Leckereien für die Ohren, sondern Berichte aus den Untiefen des täglichen Lebens. Da geht der Sänger zum Beispiel tatsächlich regelmäßig in ein Altenheim um mit einer an Demenz erkrankten alten Dame Halma zu spielen. Aus diesem Spiel wird eine amüsante Shortstory im 4/4tel Takt. "Frau Schneider". In "Geliebt" geht es um das entscheidende Thema der meisten Theaterstücke, 99 Prozent aller Songs und vieler Bücher: Die unerfüllte Liebe. Eine selbst erlebte Ballade. "Herbst" ist ein Song, der sich nur vordergründig um die Jahreszeit dreht, die nach dem Sommer kommt und dennoch Aussicht auf weitere, bunte, wunderschöne Tage birgt. Sinnbildlich der zweite Vers: "Uns sind Geburten recht vertraut. Wir stehen an Särgen und man schaut wohin die eigenen Wege gehen. Und was die Aussicht verbaut." Optimistisch der Refrain: "Unser Frühling ist vergangen und der Sommer fast verweht. Doch der Herbst ist uns geblieben. Es ist noch lange nicht zu spät." Ein ruhiger Beat, der dieser besonderen Erzählform dient, begleitet den Song mit seinem Klangteppich. In "Kathrina" geht es um die Befindlichkeit eines jungen Mädchens: "Verbote, Gebote, die Werte an sich stehen in Frage, sind lächerlich. Hormone, Intimsphäre, Aufruhr und Frust - Lebenslust mit Handy als Vertrautem und dem Make up im Gepäck zieht sie los - ist unberechenbar." Hartmut, selbst Vater von zwei Jungen, kennt die geschilderte Problematik aus seinem Umfeld: Modell standen die heranwachsenden Töchter eines engen Freundes. "Menschlichkeit", im Midtempo, tritt offen und ehrlich dafür ein: "Das was uns führt, was uns berührt, ist Menschlichkeit." ?Viele haben über die Jahre im Umgang mit uns und unserem Umfeld festgestellt, dass es so liebenswürdig ?menschelt?. Wir sind miteinander erwachsen geworden und wenn ich ein Prinzip als das wichtigste im Umgang miteinander an andere, an junge, an ganz junge Erdenmenschen weitergeben würde, dann: lasst es menscheln, macht eure Fehler und verzeiht sie euch und den anderen. Daran kann man wachsen.? "Raus aus dem Schoss" im ungewohnten 6/8tel Takt, veranlasste die Band zu folgendem Kommentar im Booklet: ?Ein Tag, an dem deine Katze deinen Weltschmerz besiegt, ist ein guter Tag.? "Stell dich", wird nicht nur zur Aufforderung das Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, sondern auch zu einem sprachlichen Experiment, das sich Engler leistet: Sieht man vom Refrain ab, fängt jeder Satz des Songs mit dem Wort "Stell" an. Rockig dagegen kommt der Song eines Mannes daher, der mit einer ?Alkohol getränkten? Depression zu 4 kämpfen hatte, aber sich dann doch wieder hochrappelt: "Freigekämpft und losgelöst, ich brauch dich nicht mehr", heißt es in einer Zeile von "Gesund". Zu den intimsten und berührend authentischsten Liedern, die Pur je produziert hat, gehört wohl "Winter 59", das Stück, das Hartmut seinem Bruder gewidmet hat - einem Bruder, den er nie kennen lernte und der dennoch immer an seiner Seite war. Typischer Midtempo-Popsong in bester Pur-Manier ist "Wiedersehen": Berührend, nachvollziehbar. "Ich habe als ich das schrieb nicht nur an Verliebte gedacht, die einander wieder treffen, in meinem Kopf war das Bild das Wiedersehens sehr viel allgemeiner, Menschen, die durch Schicksalsschläge, Kriege oder Mauern voneinander getrennt sind aber die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben." Schließlich rundet "Wünsche" dieses außergewöhnliche Album ab. Sieben Wünsche, deren Erfüllung nicht allein physische Kraft oder wirtschaftliche Hilfe möglich machen, sieben Wünsche, die unserer Zeit entsprechen und vielen der Pur-Fans aus der Seele sprechen. "Wünsche" ist mehr als nur der Titelsong, es inspirierte die Band mit Hilfe dieses Liedes einen Anstoß zum Nachdenken zu geben und Aktionen zu starten, die vielleicht ein klein wenig mithelfen können, Hoffnungen zu wecken und Wünsche zu erfüllen. Im Leben des Mannes mag es wichtig sein einen Baum zu pflanzen, ein Haus zu bauen und seinem Sohn, sagen wir, das Fußballspielen beizubringen. Im Laufe der Karriere einer Band ist es wichtig hin und wieder mal außer der Reihe Zeichen zu setzen und besondere Stücke zu produzieren. Letztendlich ist Pur dies jetzt gelungen: Mit größter Differenziertheit der Songs für sich, schuf die Band ein opulentes Ganzes, exorbitant in Musikalität und Sprachschöpfung, eine Reflektion auf das Spiel mit den Erwartungen, die Parität von populär und programmatisch. Ein Pur Album, vielleicht das Pur-Album.- Shop: buecher
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Das Hephaisteion in Athen - standhaft programmatisch
Das Hephaisteion in Athen - standhaft programmatisch - 1. Auflage: ab 12.99 €- Shop: ebook.de
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Aussegrasn
FEI SCHO sind virtuos darin, mit hintersinnigen Titeln die Fantasie anzuregen. Das beginnt schon beim aktuellen Albumtitel: Aussegrasn. Das heißt so viel wie "etwas Neues ausprobieren" und steht programmatisch für den künstlerischen Ansatz von FEI SCHO. Die überwiegend instrumentalen Stücke tragen Überschriften wie "Versöhnungslandler mit dem blöden Leben", "Suppenslalom", "Schee dass's do bist" oder "Astromat" und sind musikalisches Kopfkino: Jeder dreht seinen eigenen Film, ob Komödie, Liebesfilm oder Science Fiction. Auf Aussegrasn bleiben sie ihrem Konzept der "alpinen Weltmusik" treu und mischen ihre unüberhörbaren bayerischen Wurzeln, Jodler und Landler mit amerikanischem Folk, Balkanklängen über Jazz und Bossa Nova.- Shop: odax
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The Vienna Berlin Music Club Vol.2
"Klassik ohne Grenzen" - selten hat eine Kategoriebezeichnung besser gepasst als im Fall der Philharmonix, die für ihr Album THE VIENNA BERLIN MUSIC CLUB VOL. 1 mit dem OPUS KLASSIK 2018 ausgezeichnet wurden. Ihr Markenzeichen: durch raffinierte Arrangements sowie Eigenkompositionen, die mit Jazz-, Folk-, Pop- und anderen Elementen meisterlich gewürzt sind, der großen musikalischen Vergangenheit ein zweites, neues Leben einzuhauchen. Und das von Klassik über Jazz bis zu Rock, von Ludwig van Beethoven bis zu Queen. Auch auf ihrem neuen Album THE VIENNA BERLIN MUSIC CLUB VOL. 2 steht die (fast schon programmatisch zu verstehende) Queen-Hymne "Don't stop me now" neben walzerseligem Johann Strauss, der swingende Beethoven neben dem jazzigen Gershwin - und ein tänzelnder Bartók sieht sich mit dem dahinschleichenden "Pink Panther"-Thema von Henry Mancini konfrontiert.- Shop: odax
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